Let’s talk about sex…
Zwischen Pathologisierung und Hypersexualität


cultus
akademie: Der Demenzexperte und Philosoph Christian Müller-Hergl referierte am 07.03.2018 in der Aula des Beruflichen Schulzentrums für Gesundheit und Sozialwesen „Karl August Lingner“ über den Umgang mit Sexualität als herausforderndes Verhalten.

Interessierte aus unterschiedlichsten sozialen Einrichtungen und Bereichen folgten gespannt den Erläuterungen über kulturgeschichtliche Stereotypen und empirische Hintergründe, welche Herr Müller-Hergl in einer erfrischenden Art präsentierte. Diese Stereotypen entwickeln bereits bei dem Gedanken an Sexualität und Alter ein unwohles Gefühl. Schließt sich diesem eine dementielle Erkrankung an, wächst dieses unwohle Gefühl zu einem kulturellen Magengeschwür. In der westlichen Kultur ist die Enthaltsamkeit im Alter eng mit der zu bewahrenden Würde verbunden. Gleichzeit werden unheimliche „Optimierungsanstrengungen gegen das Altern“ unternommen. Im Gegensatz dazu stellte Herr Müller-Hergl verschiedene Studien mit dem Ergebnis vor, dass nicht das Verlangen nach Sexualität im Alter abnimmt sondern sich Sexualität im Alter einfach anders gestaltet. Gesundheit und Gemeinschaft sind die wesentlichen Einflussfaktoren. Deutlich stellte er die Seltenheit von Hypersexualität heraus und erläuterte, dass sexuelle Aktivitäten im Kontext einer Demenz eher abnehmen. Kommt es aber in Partnerschaften oder Institutionen zu hypersexuellen Situationen sind diese häufig traumatisierend für beteiligte Personen. Doch allein die Kenntnisse über Sexualität im Alter verändern nicht die Haltung oder Toleranz. Herr Müller-Hergl empfiehlt für herausfordernde Situationen zunächst beherzt die eigenen Grenzen aufzuzeigen. In Fallbesprechungen soll fachlich das Verhalten des zu Pflegenden eingeschätzt werden und möglichst ein psychologischer Fachberater hinzugezogen werden. Gemeinsam werden Alternativen gesucht und der Wunsch nach Sexualität als prinzipiell natürliches Phänomen betrachtet. „Je sexualfreundlicher der Kontext, desto eher wird dem ungestillten Berührungshunger entsprochen“. Zudem gab Christian Müller-Hergl den Teilnehmern deutlich zu verstehen, dass in diesem Kontext mitunter weitere schwierige Fragestellungen aufgeworfen werden.
Wir bedanken uns bei Christian Müller-Hergl für seine Expertise!

[Annegret Padberg]